Wir haben diese sehr schöne und berührende Einsendung von Flo erhalten.  

Flo wurde als Mädchen geboren, fühlt sich jedoch als Junge. Dadurch hat er leider schon Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung machen müssen. Er ist mittlerweile 15 Jahre alt, schrieb diesen Text jedoch mit 14 im Rahmen eines Workshops. Die Schreibaufgabe war es, seinen Charakteren ein Risiko eingehen zu lassen. Er hat sich für dieses Thema entschieden, weil er verdeutlichen wollte, dass es leider noch immer ein Risiko ist, sich zu outen. Dass es viele Probleme und Hass mit sich bringen kann und es mehr Mut erfordert als so manch andere Situationen. Inspiriert wurde er dabei durch zahllose Menschen im Internet, die von ihren Erfahrungen erzählen und damit anderen helfen, die sich noch unsicher sind. 

Wir finden den Text richtig gut und wir sind sehr dankbar, dass Flo ihn mit uns geteilt hat.

Mit zittrigen Fingern befestigte ich die Kamera an dem Stativ und stellte alles ein, bevor ich mich mit klopfendem Herzen vor eben diese Kamera auf den Boden setze und mir die schwitzigen Hände an der Jeans abwischte. Mein Atem ist flach und geht schnell, alles in mir kribbelt – ich bin nervös, würde am liebsten wieder aufstehen und es doch nicht tun. Hilflos sehe ich meinen Freund an und er lächelt mir aufmunternd zu. Er ist ganz ruhig, gelassen und geduldig. Aber um ihn geht es ja auch nicht. Diesmal nicht. Diesmal ist es mein Video, meine Geschichte, meine Worte. Ich werde es „out loud proud“ nennen, das weiß ich schon, obwohl ich nicht einmal ein Wort gesagt, nicht einmal einen Blick in die Linse riskiert habe. Es gibt kein Zurück mehr. Doch, es gibt ein zurück, aber ich möchte es nicht. Obwohl… Ich möchte es, aber ich darf nicht. Nein! Ich darf… ich dürfte, aber … ich will gar nicht. Ich will Mut beweisen, dieses eine Mal. Ich will es durchziehen und ich weiß, ich bin bereit dafür und dennoch rennt mein Herz einen Marathon. Jetzt, jetzt ist er Moment. Jetzt sollen die Worte kommen, jetzt sollte ich dazu stehen, zu dem der ich bin. Und sie kommen. Ich höre meine ersten Worte nicht, spreche sie einfach. Ich lächel, ohne es mir selbst gesagt zu haben. Ich höre auf zu denken, rede nur noch, sage, war mir auf der Zunge liegt. Es dauert eine ganze Weile, bis ich dort ankommen, wo ich hin will. Zuerst begrüße ich sie, mache Witze, lache mit ihnen, rede über belanglose Dinge. Sie, die Menschen, die dieses Video sehen, meinen Worten lauschen, mein Gesicht ansehen. Dann werde ich still, lasse die Worte versiegen und schließe die Augen. Ich weiß, ich werde diesen Moment nicht rausschneiden, werde es im Video lassen, wie ich tief einatme und mich vorbereite. Ich spüre den Blick meines Freundes auf mir und fasse Mut, weil ich weiß, dass er hinter mir steht und es immer tun wird.

Ich lege mir die Worte zurecht, öffne die Augen und atme noch einmal tief durch. Dann lächel ich. Ein echtes Lächeln, ein richtiges Lächeln, ein bitter süßes Lächeln. „Ich bin Transgender“. Danach werde ich erneut für einen Moment still, lass die Worte erst einmal sacken. „Ich wurde als Mädchen geboren, trug einen anderen Namen, andere Pronomen. Man sieht es nicht und ich bin froh darüber. Nicht, weil ich den Körper eines Mädchens schlimm oder gar hässlich finde, sondern, weil ich möchte, dass Menschen, die mich sehen, denken: Junge Mann, er, ihn. Ich möchte nicht, dass sie sich fragen, was ich bin und noch weniger möchte ich, dass sie denken: Mädchen, Frau, sie, ihr. Und ich war mir früh darüber bewusst, outete mich quasi, lebte mein Leben als Junge, obwohl meine Mutter sagte, ich sei unnormal und mein Vater mich nicht mehr ansah. Ich schnitt mir die Haare kurz, obwohl meine Schwester weinte und meine Familie mich nicht mehr zu Festen einlud. Ich bat um einen neuen Namen, obwohl ich wusste, sie würde ihn nicht benutzen. Ich lebte mein Leben, obwohl sie mich ignorierten, nicht mehr von oder mit mir sprachen. Später ließ ich mich umoperieren, obwohl ich wusste, ich würde nie mehr nach Hause dürfen. Obwohl ich wusste, dass sie mich hassen würden für den, der ich bin. Es war eine schwere Entscheidung, aber ich lebte mein Leben so, weil ich nicht sterben wollte ohne zu sein, wie ich nun mal bin.“ Meine Worte sind ruhig, die Nervosität ist verschwunden. Ich spüre förmlich, dass mein Freund mich lächelnd ansieht, als sei er stolz auf mich. Auf meine Worte. Auf meine Geschichte. Und ich weiß, ich darf es sein. Darf stolz sein, auf den, der ich bin.

Foto: Katharina Bednarczyk

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